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Die Abtei Neresheim

Die Abtei auf dem „herten Feld”

Das Härtsfeld

Im östlichsten Teil von Baden-Württemberg, im Dreieck zwischen Heidenheim, Aalen und dem bereits bayerischen Nördlingen, liegt Neresheim. Aus welcher Richtung der Besucher auch anreisen mag, schon von fern beeindruckt ihn die Silhouette der Benediktinerabtei, die sich über der Stadt, in 582 m Meereshöhe, auf dem Ulrichsberg erhebt. Von ihr reicht der Blick weit über die Hochfläche des Härtsfeldes nach Süden, an klaren Herbsttagen bis hin zu den schneebedeckten Gipfeln der Alpen. Mit der Hochfläche des Härtsfeldes endet die Schwäbische Alb. Im Norden begrenzt von ihrem steilen Traufabfall, im Süden von der Donauebene, im Osten vom Meteoritenkessel des Nördlinger Rieses und im Westen durch Kocher- und Brenztal.

„Diß Landt ist rauch, hart, birgig und ungeschlacht, hat kein Weinwachs und auch wenig Wasser, dann so viel man in Cisternen sammlet von Regen und Schnee. Zeicht aber viel Korn und andere Frücht, Ochsen, Roß und Schaf.“ ...

... So Sebastian Münzer, Theologe und Kosmograph, in seiner 1544 erschienenen Beschreibung „Von Teutschlande.“ Es ist, wenn man so will, der erste Reiseführer für deutsche Regionen. Und das Härtsfeld wie die Abtei Neresheim finden sogleich ausgiebige Erwähnung.

Die Gründung des Klosters

Die Gründung

1095 gründeten Graf Hartmann und Gräfin Adelheid von Dillingen-Kyburg die Abtei Neresheim. Zunächst als Chorherrenstift. Sie boten Kanonikern ihre im 9. Jahrhundert erbaute Burg am Rande des Brenzgaues als Heimstatt an.

Die Schutzpatrone

Aus dem Geschlecht der mächtigen Dillinger Gaugrafen stammte St. Ulrich, Bischof von Augsburg (+ 973). St. Afra, Märtyrerin aus Augsburgs Römerzeit, war die Schutzheilige des Bistums. Ulrich und Afra wurden auch als Schutzpatrone für die Abtei und Kirche in Neresheim erwählt. Über sieben Jahrhunderte gehörte die Abtei auf dem Ulrichsberg dem Bistum Augsburg an.

Hirsauer Reform

Mit Beginn des 12. Jahrhunderts beeinflusste die Reform von Cluny mehr und mehr das geistige Leben im Süden Deutschlands. Besonders durch das Wirken der Mönche von Hirsau. 1106 rief Graf Hartmann Benediktiner aus Petershausen bei Konstanz nach Neresheim. 1119 folgten Mönche aus Zwiefalten nach. Das Chorherrenstift wurde zum Benediktinerkloster Hirsauer Prägung.


Wechselvolles Geschick

Investiturstreit

Im Machtstreit zwischen dem Kaiser und der päpstlichen Kurie musste Neresheim wiederholt Brand und Raub hinnehmen. Wie alle Klöster der Hirsauer Reform, stand die Abtei treu auf Seiten des Papstes. Dafür brannte sie König Konrad IV., Sohn des gebannten Stauferkaisers Friedrich II., nieder.

Vogteirechte

Der weltliche Schutz des Klosters, die Schirmvogtei, samt dazugehörendem Steuer-, Zoll-, Forst- und Jagdrecht, lag in Händen der Stiftergrafen von Dillingen-Kyburg. Als sie 1258 ausstarben, erhoben die benachbarten Grafen von Oettingen-Wallerstein gewaltsam Anspruch auf Nachfolge. Das Kloster ging in Flammen auf. In einer Verhandlung, unter Vorsitz des Bischofs Albertus Magnus, wurde der Vogtei-Anspruch 1263 vorbehaltlich für gültig erklärt. Die Entscheidung löste einen 500 Jahre währenden Rechtsstreit aus, der erst 1764 mit Erhebung der Abtei in die Reichsunmittelbarkeit endete.

Kriegswirren

1525 tobte der Bauernkrieg. Archiv und Wertsachen der Abtei wurden nach Wallerstein evakuiert, von dort Landsknechte in das Kloster verlegt. Es blieb unbehelligt, die Schutzvogtei bewährte sich. 1546 nächtigte Karl V. in Neresheim. Der kaiserliche Besuch wurde übel vergolten. Die Truppen des Schmalkaldischen Bundes raubten das Kloster aus. Der Abt wurde in Wallerstein gefangen gesetzt und Lösegeld erpresst.

Verödung

Im Dreißigjährigen Krieg verödete das Härtsfeld. Hunger, Gewalt, und Seuchen vernichteten ganze Dörfer. Regulär monastisches Leben war erloschen. Das Kloster diente als schwedische Kommandantur. 1647 zählte es noch vier Konventuale, die Stadt Neresheim noch 290 Seelen.

Zwischen Romanik und Barock

Die bewegte Geschichte des Klosters hat nichts von seinen romanischen Anfängen übrig gelassen. Ältestes erhalten gebliebenes Bilddokument ist ein Kupferstich von Pater Karl Stengel. Die um 1620 entstandene Ansicht bestätigt der Klosteranlage schon für damalige Verhältnisse eine beachtliche Dimension. Gegen Norden, an der höchstgelegenen Stelle des Areals, steht die Basilika mit ihrem Glockenturm. Unterhalb schließen sich in südwestlicher Richtung die Behausungen des Konvents mit Kreuzgang und Klostergarten sowie die Prälatur an. Gegenüberliegend sammeln sich die Zweckbauten der Ökonomie. Dieses Arrangement ist im Wesentlichen bis heute beibehalten, wenn auch kein einziger Bautrakt aus damaliger Zeit überdauert hat. Nur zwei Bauwerke, bereits im Laufe des 17. Jahrhunderts vollendet, wurden in die barocke Klosteranlage integriert. Sie flankieren den Konventbau. An seiner Südseite ist es die nach erheblichen Brandschäden wieder errichtete Prälatur. Sie stellt die Verbindung zum tiefer liegenden Wirtschaftstrakt her. Nördlich ist es der neue Glockenturm. Er vermittelt zwischen Abteikirche und Konventbau. Prälatur und Turm fungieren architektonisch geschickt als Bindeglieder zwischen den Einzelbauten verschiedener Funktion.

Der Glockenturm

Der Turm zählt acht Stockwerke. Die unteren drei sind im Grundriss quadratisch, die oberen achteckig. An der Westseite des zweiten Geschosses schmücken ihn drei lebensgroße Plastiken: Links St. Ulrich als Bischof mit Stab, Buch und Fisch, zu Füßen das Familienwappen der Grafen von Dillingen-Kyburg; auf der rechten Seite St. Afra, als Märtyrerin gebunden, zu Füßen das Wappen derer von Lusignan; in ihrer Mitte St. Benedikt mit dem legendären Giftbecher in seiner Hand, zu Füßen rechts das Wappen des Konvents, links das des Erbauers, Abt Benedikt Rohrer. Im dritten Geschoss ist zur Linken der Turmuhr Christus der Erlöser dargestellt, zur Rechten Maria als Jungfrau, die der Schlange den Kopf zertritt. Alle Figuren wurden von Kaspar Sartor aus Eichstätt zwischen 1619 und 1622 geschaffen.

Die Bauherren

Die barocke Klosteranlage, wie sie heute erhalten ist, wurde 1694 begonnen. Ihre Bauzeit beanspruchte drei Jahrzehnte, unterbrochen von Kriegswirren und Geldnöten. Ihre Bauherren waren Abt Simpert Niggl, vom Beginn bis 1706, danach Abt Amandus Fischer, in der Zeit von 1711 bis zu ihrer Vollendung.

Die Baumeister

Drei Baumeister wurden nacheinander beauftragt: zuerst der bischöflich-augsburgische Werkmeister Valerian Brenner aus Günzburg. Ihm folgte der Baumeister Hans Balthasar Zimmermann aus Unterkochen. Und schließlich begann Meister Michael Wiedemann aus Unterelchingen bei Ulm mit der Errichtung des Konventkomplexes.

Erster Bauabschnitt

„Kraft gemachtem Riß“ begannen Valerian Brenner und zwölf seiner Gesellen im Frühjahr 1694 mit der Erfüllung ihres Baukontraktes. Wie bei den meisten Klosterbauten jener Zeit, begann auch in Neresheim die Erneuerung bei den Wirtschaftsgebäuden. 1695 war der erste Abschnitt, der südwestlich gelegene Teil, abgeschlossen. Er enthielt: eine Wohnung des Klostersekretärs, mehrere Gastzimmer, die Brauerei, die Bäckerei, die Schmiede, die Schlosserei, die Wagnerei und die Küferei. Heute sind in ihm sämtliche Räumlichkeiten des Hospizes sowie der Klosterkeller untergebracht.

Mittlerer Bauabschnitt

Der zweite Bauabschnitt betraf die Erweiterung der Werkstätten und Wirtschaftsräume. Als dritter folgte ein Anbau, „vornen im Hof gegen der Kirchen hinan.“ In der vierten Stufe entstand zwischen Prälatur und Ökonomie ein Stall für die Pferde hohen Besuchs. Seine Mauern beherbergen heute den Graf-Hartmann-Saal.

Letzter Bauabschnitt

1709 entstand noch ein „Schweinehaus.“ Erst unter Abt Amandus Fischer ging der Wirtschaftsbereich seiner Vollendung entgegen. Baumeister war nunmehr Hans Balthasar Zimmermann. Nach seinen Plänen wurde 1717 ein neuer Bauhofstadel, 1722 die Gesamterneuerung des Bauhofes und 1723 eine große Scheuer ausgeführt. Damit waren die Bauten der Ökonomie um den Klosterhof vollendet.

Konventbauten

Weihnachten 1698 war ein weiterer Bauvertrag mit Michael Wiedemann zustande gekommen. Seinen Entwürfen folgend, hatte man den Neubau des Konventgebäudes beschlossen. Süd- und Westflügel entstanden zuerst. 1712 hatten sie die angrenzende Basilika erreicht. Im Jahr der Vollendung wurde über der neuen Klosterpforte eine Statue der Madonna mit Kind von Melchior Paulus aus Ellwangen aufgestellt.

Ansicht der Barockerneuerung

1719 wurde der Festsaal im Obergeschoss des Konventgebäudes neu gestaltet. Zu seinem reichhaltigen Schmuck von Dominikus Zimmermann gehört ein Stuckrelief, das die barocke Klosteranlage wiedergibt.

Bedeutung des Konventbaues

Gehört der Neresheimer Konventbau auch nicht zu den ausgedehntesten Klosterbauten jener Zeit, zeigt er doch eindrucksvoller, als viele andere in Süddeutschland, die Grundproportionen barocker Baukunst. Die Fassaden sind in italienischer Manier gegliedert. Sockel-, Haupt- und Obergeschoss werden horizontal durch ein doppeltes Gesims getrennt. Vertikal wird der Bau durch eine dorische, ionische und korinthische Pilasterordnung unterteilt. An den Fenstern von 2,5 m Höhe wechseln in symmetrischer Ordnung Giebel- und Segmentbögen. Im Zuge ihrer umfassenden Sanierung erhielt die Westfassade im Jahr 2003 auch den Giebelaufsatz zurück, der den vertikal aufstrebenden Mittelrisalit abschließt.

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