zurück zur Kapitelübersicht

Die Abteikirche Balthasar Neumanns

Ein neue Kirche

Baufälligkeit der alten Kirche

Um 1740 zeigte sich, dass weder ihr baulicher Zustand noch ihre Größe für die Zukunft genügen würden. So blieb es Abt Aurelius Braisch vorbehalten, das gewaltigste Werk Neresheimer Bau- und Kunstgeschichte einzuleiten. Er traf die weitreichende Entscheidung für einen Kirchenneubau. Die Zeiten waren ruhig, das Kloster verfügte über sichere Einnahmen. Damit konnten sich erste Gedanken zu kühnen Ideen verdichten: die neue Kirche müsse zum Höhepunkt aller bisher entstandenen Klosterbauten gedeihen.

Balthasar Neumann

Wer kam für die Realisierung solcher Pläne in Frage? Im Grunde eine stattliche Anzahl! Die Namen einheimischer Kirchenbaumeister aus Oberschwaben und aus Vorarlberg hatten einen guten Klang. Dem Neresheimer Abt scheint jedoch keiner genehm gewesen zu sein. Er entschied sich für den ersten Baumeister seiner Zeit: für Balthasar Neumann, den fürstbischöflich würzburgischen Oberbaudirektor, Artillerie-Obristen und Ingenieur.

Vielfältige Referenzen

Als sich Abt Aurelius an Neumann wandte, ging dem 1687 in Eger geborenen Tuchmachersohn bereits unbestritten der Ruf voraus, der bedeutendste Architekt zwischen Köln und Konstanz zu sein. Seine schöpferische Intuition war mit enormer Arbeitskraft und genialem Organisationstalent verbunden.

Das Gesamtwerk

Mit dem Wohlwollen seines Dienstherrn und Gönners Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn versehen, begutachtete, plante und baute Neumann nicht selten zu gleicher Zeit an mehr als einem halben Dutzend unterschiedlichster Projekte, an kaiserlichen und königlichen Residenzen, an den Prestigevorhaben der nachbarlichen Fürsten, Herzöge und Kardinäle. Zu seinem Lebenswerk gehören 58 Schlösser, Kloster- und Wohnsiedlungen, 28 Kirchen, 5 Brücken, 9 Festungswerke sowie 8 Wasserkünste. Nicht mitgerechnet die Vielfalt unausgeführter Entwürfe und Modernisierungsvorschläge! Die Abteikirche Neresheim sollte sein letztes großes Sakralbauwerk werden, dessen Fertigstellung noch erhebliche Zeit über seinen frühen Tod hinaus beanspruchte.

Der Baubeginn

Als Neumann erstmals nach Neresheim kam, brachte er, wie erbeten, die Pläne von Münsterschwarzach mit, konnte den Abt wie den Konvent jedoch überzeugen, dass ...

... „aber nicht eine Kirchen wie die andere herauskommen muss.“

1745 begannen in Neresheim die vorbereitenden Grundarbeiten. 1747 folgte der eigentliche Baubeginn. Neumann hatte einen Kostenvoranschlag über 45.791 fl und einen gründlich durchgearbeiteten Ausführungsentwurf geliefert. Die vielfältigen Verpflichtungen erlaubten ihm aber nicht, ständig in Neresheim anwesend zu sein. Er übertrug somit die Bauleitung seinem Schüler Leonhard Stahl.


Der Bau

Die Entwürfe und Ausführung

1749 ergaben sich Probleme bezüglich des Abbruchs der alten Kirche. Bauleiter Stahl fertigte daraufhin einen Grundriss der alten und der neuen Kirche. Von den Entwurfs- und Ausführungszeichnungen, die insgesamt vor und während der Bauzeit für die Abteikirche Neresheim angefertigt wurden, sind 20 Pläne erhalten, die gesichert dem Baubüro Neumann und seinen Anweisungen zuzuschreiben sind. Ihre originalgetreuen Wiedergaben sind Bestandteil des Klostermuseums. 1750, am Fest des hl. Ulrich, fand unter klingendem Spiel und dreimaligem Donner des „großen Geschützes“ die feierliche Grundsteinlegung statt. In den nächsten Jahren schritt der Bau zügig voran. Am 19. August 1753 starb Balthasar Neumann. Eine kurze fiebrige Erkrankung riss ihn aus aller Arbeit. Sein letztes Werk war ...

... „aus dem fundament und in etwas ansehnlicher in die höhen avanciert“.

Der plötzliche Verlust des großen Baumeisters wurde in Neresheim besonders schmerzlich empfunden. In seinem Beileidsbrief schreibt Abt Aurelius der Witwe Neumanns, dass die ...

... „haubtsäulen meines so wuchtig angefangenen Kirchengebäus allerdings gefallen sei.“

Die Einwölbung in Holz

Am 28. Juni 1759 trafen Abt und Konvent eine für die Ausführung und den Bestand des Bauwerks bedeutsame Entscheidung: In Abweichung von Neumanns Entwürfen entschloss man sich zur Einwölbung der Kuppeln in Holz. Auf die lichtspendende Laterne der Hauptkuppel und eine Reihe schmückender Details wurde verzichtet. Zur Holzkonstruktion wurde die Wölbung flacher, als von Neumann beabsichtigt, ausgelegt.

Die Ausführung

Die abschließende Vollendung wurde Johann Baptist Wiedemann, Baumeister aus Donauwörth, übertragen. Den Auftrag zur Ausführung erhielten die Zimmerleute Hans Georg Neumayr aus Wallerstein und Franz Josef Pfeifer aus Ebnat. Im Winter 1769/70 war die Kirche eingewölbt und soweit fertiggestellt, dass in den folgenden Sommermonaten mit den Kuppelfresken begonnen werden konnte. Der Bau hatte seine endgültige Form gefunden, nach wie vor prägend bestimmt von Balthasar Neumanns genialer Planung, einem Grundriss in Gestalt des lateinischen Kreuzes mit 83 m in der Länge und 35 m in der Breite des Querschiffes. In seiner ganzen Dimension nun von sieben Kuppeln überspannt, deren größte, die Hauptkuppel oder auch als der „Neresheimer Himmel“ bezeichnet, einen Durchmesser in Längsrichtung von 24 m aufweist und sich in eine Höhe von 32m aufschwingt.

Das Äußere und das Innere

Die Fassade

Während der Kirchenraum in die Höhe wuchs, entstand etwa zeitgleich an seiner Westseite die mächtige Fassade. Ihrer Ausführung lagen im Wesentlichen Neumanns Pläne von 1749 zugrunde. Die beiden 4 m hohen Plastiken von St. Ulrich und St. Afra schuf Johann Michael Fischer aus Dillingen im Jahr 1767.

Das Äußere

Das Äußere der Kirche ist relativ nüchtern gestaltet und gleicht damit den meisten süddeutschen Barockkirchen. Nur die in ihrem Mittelteil leicht vorspringende Fassade aus behauenen Kalksteinquadern ist durch korinthische Pilaster und hohe Rundbogenfenster in ihren beiden Stockwerken reich gegliedert.

Das Innere

Während der Neresheimer Fassade jene subtile Feinheit von Vierzehnheiligen fehlt, wirkt sie durch monumentale Strenge und Nüchternheit. Umso stärker wird der Besucher vom Gegensatz des Innenraumes beeindruckt. An ihm wird deutlich, dass das zurückhaltende Äußere wohl überlegte Absicht ist. Die der barocken Baukunst zugrunde liegende Symbolik des Kontrastes zwischen aller irdischen Unvoll- kommenheit und der himmlischen Herrlichkeit wird kaum anderswo so deutlich wie in Neresheim.

Die Mauerhülle ist nichts, der Innenraum ist alles!

„Die Barockarchitektur nicht nur Deutschlands, sondern Europas, hat weniges, was sich mit ihm messen kann“ (Dehio).

Helligkeit

Eine wichtige Rolle hat Neumann dem Licht zugedacht, das durch mehr als 45 Fenster in Überfülle einflutet. Nichts von mystischer Dämmerung mittelalterlicher Dome ist spürbar. Von mächtigen Pfeilerkulissen größtenteils abgeschirmt, wird das Licht zum typisch barocken Gestaltungsmittel, dessen Wirkung effektvoll die Phantasie beflügelt.

Wandarchitektur

Die Wandarchitektur zeigt einen dreiteiligen Aufbau: ein durchbrochenes Sockelgeschoss, darüber das Hauptgeschoss mit Emporen und unterer Fensterreihe, oben über dem mächtigen Hauptgesims eine zweite Fensterreihe zwischen den Gewölbenansätzen. Eindrucksvoll ist im Hauptgeschoss die gegensätzliche Bewegung der in den Raum ausladenden Emporen und des oberhalb nach außen schwingenden Hauptgesimses der darüber aufsteigenden Wandfläche.

„Das Erlebnis der Neresheimer Kirche ist, jenseits allen Wissens, so bewegend durch das wahrhaft herrliche Raumbild mit der grandiosen Dominante der von vier freistehenden Säulenpaaren getragenen Hauptkuppel. Neumann hat hier nicht nur sein eigenes Schaffen gekrönt, sondern als Wortführer seiner ganzen Epoche deren Wollen und Sehnen erfüllt“ (von Freeden).

zurück zur Kapitelübersicht