Die Kuppelfresken Martin Knollers
Die Ausgestaltung
Martin Knoller
„Hier kann, hier muss ich mir Ehre machen,“ ...
... soll Martin Knoller bei seinem ersten Besuch in Neresheim geäußert haben. In den Sommermonaten der Jahre 1770 bis 1775 verwirklichte er diesen Selbstanspruch, schuf mit den sieben Kuppelfresken der Abteikirche nicht nur sein größtes Werk, sondern einen bedeutenden Schlussakkord im Ausklang der barocken Freskomalerei. Dass der 1725 in Steinach am Brenner geborene Tiroler den Auftrag erhielt, war keineswegs selbstverständlich. In der engeren und weiteren Umgebung von Neresheim waren zahlreiche namhafte Freskomaler tätig, Martin Knoller zu jener Zeit jedoch bereits im fernen Mailand ansässig.
Der Auftrag
Am 23. November 1769 wurde zwischen dem „Hochlöbl. Reichs-Stift Neresheim“ und dem „Hochedelgeborenen Herrn Knoller Kunsterfahrensten Mahler“ ein Vertrag geschlossen, der ihn verpflichtete, die Fresken in den sieben verschieden großen Kuppeln für den Betrag von 3000 Dukaten zu erstellen. Er hatte ...
... „die Farben, und anderen Bedürfnissen auf eigene Kösten Beyzuschafen: wohingegen das Hochlöbl. Reichs-Stift Ihme Herrn Knoller, so lang die Arbeit daueret, den Convent-Tisch, und die Kost für einen Bedienten zu reichen: auch Demselben die reis-Kösten von Mayland Hiehero, und von Hier nachher Mayland einmalen zu vergüten zugesagt hat.“
Arbeitsablauf
Der Ablauf der Arbeit ist gut dokumentiert. Vom 22. Juni bis zum 26. September 1770 malte Knoller das „Abendmahl“ in die östliche Chor- Kuppel. Von Juni bis September 1771 folgte „Die Auferstehung,“ 1772 die „Taufe Jesu“ und die Hauptkuppel mit ihren 200 Figuren, deren Ausführung auch noch den Sommer 1773 beanspruchte. Dann folgten 1774 „Die Tempelaustreibung“, 1775 noch die Kuppeln „Predigt im Tempel“ und „Darstellung im Tempel“.
Bildprogramm
In allen sieben Kuppeln bildet Christus stets die Mitte. Wenn auch im Wortlaut des Auftrages keine dezidierten Vorgaben zur Thematik der einzelnen Fresken aufgeführt sind, so dürfte jedoch außer Zweifel stehen, dass die Persönlichkeit eines Abtes Benedikt Maria Angehrn den Maler auf eine Anzahl Themen und Skizzen verpflichtet hat. Von den zahlreichen Entwürfen Knollers sind sieben Ölskizzen der Kuppeln im Besitz des Neresheimer Klosters erhalten geblieben. Sie sind heute im Klostermuseum ausgestellt.
Der Raumbezug
Jedes Kuppelfresko steht in überlegtem Bezug zum unter ihm befindlichen Kirchenraum. Die Tempelreinigung am Kircheneingang veranschaulicht die Forderung, dass alles Unheilige dem Gotteshaus fernbleiben möge. Über der Kanzel, von der Gottes Wort verkündet wird, sitzt der im Tempel lehrende Jesus. Unter dem Bild der Auferstehung befindet sich der Mönchschor. Oben im Bild jubilierende Engel, unten im Chor psallierende Mönche! Unter dem Bild des Abendmahles steht der Hochaltar. Das Gemälde im nördlichen Querschiff über dem Dreifaltigkeitsaltar zeigt die Offenbarung der heiligsten Dreieinigkeit bei der Taufe Jesu. Im südlichen Querschiff, auf dem Bild der Darstellung Jesu im Tempel, steht Maria im Vordergrund, ihr ist auch der darunter liegende Altar geweiht. Das Fresko der Hauptkuppel im Mittelpunkt der Kirche stellt die Anbetung der heiligsten Dreifaltigkeit durch die Verklärten des Himmels dar. Dem Lobpreis Gottes sollen sich die Besucher der Kirche anschließen. Der Blick in den „Himmel“ soll sie dazu ermutigen.
Die Kuppelfresken
Das Kuppelbild über der Orgelempore: Jesu treibt die Händler aus dem Tempel.
Der Gottessohn steht auf der obersten Stufe vor dem Säuleneingang. Seine Gestalt fällt durch die Farbe des Gewandes und die Wucht ihrer Gebärde auf. Der Eiferer für das Haus seines Vaters duldet keinen Widerstand. Die Verkäufer beeilen sich, dem drohend geschwungenen Strick zu entrinnen. Einer klettert über das Treppengeländer und wirft den Eierkorb um. Die zerschlagenen Eier, der wütende Blick der Händlerin und der zornige Bauer, der nicht begreifen will, dass sein Vieh die Ruhe des Tempelhofes stört – wie lebendig ist das alles dargestellt!
Das Kuppelbild über der Kanzel: Der zwölfjährige Jesu lehrt im Tempel.
Der Knabe sitzt inmitten der Schriftgelehrten auf erhöhtem Platz in einem weiten, säulengeschmückten Hallenbau, dessen Kuppel in schwindelerregende Höhe aufsteigt. Neben ihm ein Tisch, auf dem die heiligen Bücher aufgeschlagen liegen. Die Schriftkundigen zu seinen Füßen lauschen mit gespannter Aufmerksamkeit den Worten des jungen Lehrers. Sie tauschen Bemerkungen aus und sind sichtlich erstaunt, woher diesem Knaben solche Weisheit gegeben ist. Das wissen nur Maria und Joseph, die auf der Suche nach ihrem Kind die Halle betreten.
Die östliche Hälfte des Hauptkuppelbildes: Die Anbetung der Heiligsten Dreifaltigkeit.
Knoller zeigt im Scheitel der Hauptkuppel den ewigen Vater mit Zepter, neben ihm Jesus, beide umgeben von Engelscharen, über ihnen der Heilige Geist in Gestalt der Taube. Um den dreieinigen Gott schart sich eine nahezu unübersehbare Anzahl Gestalten. Die Gottesmutter zieht vor allem den Blick auf sich, links unter ihrem göttlichen Sohn, im blauen Mantel, die Sternenkrone über ihrem Haupt. In der Mitte der unteren Reihe St. Benedikt im schwarzen Mönchsgewand mit Regelbuch und Giftbecher, den verklärten Blick nach oben gerichtet.
Die westliche Hälfte des Hauptkuppelbildes.
Die Kunst des Malers hat auch in dieses Riesengemälde Gliederung und Einheit gebracht. Die Rangordnung der Heiligen ist in bestimmte Gruppen gefasst. Auf den spiralförmig aufgetürmten Wolkenreihen sitzen und stehen sie, die Blicke auf die heiligste Dreifaltigkeit gerichtet. In der Auswahl der Figuren war der Künstler an Vorgaben gebunden, die der Bauherr in langen Listen zusammenstellt und beschrieben hatte. Unter ihnen finden sich somit auch zahlreich Kirchen-, Kloster- und Ordenspatrone wieder, denen sich die Abtei besonders verbunden fühlte.
Das Kuppelbild im südlichen Querschiff: Die Darstellung Jesu im Tempel.
Nach dem mosaischen Gesetz muss der erstgeborene Sohn Gott im Tempel geweiht und durch ein Reinigungsopfer ausgelöst werden. Eifrig im Glauben und in der Befolgung aller Gesetze bringt Maria ihr Kind dar. Die Mutter des Herrn kniet in Demut vor dem greisen Simeon, der im Gewand des Hohenpriesters das göttliche Kind in seinen Armen hält, den Blick himmelwärts gerichtet. „Nun lässest du in Frieden, Herr, deinen Diener ziehen, denn meine Augen haben dein Heil gesehen!“ Die innige Verdichtung der Handlung ist ein Meisterwerk Martin Knollers.
Das Kuppelbild im nördlichen Querschiff: Die Taufe Jesu im Jordan.
Jesus, mit dem rechten Fuß im Wasser stehend, neigt sich in Demut vor seinem Vetter Johannes, dem Täufer, der aus einer Muschel Wasser auf sein Haupt rinnen lässt. Über ihm schwebt der Heilige Geist in Gestalt der Taube. Ein Engel hält den Mantel des Herrn. Das zentrale Geschehen ist in hellstes Licht getaucht. Hier bedient sich Martin Knoller der barocken Ikonographie, nach welcher die beiden lebensspendenden Elemente von Wasser und Licht auch als Symbole der Gnade zu deuten sind: Durch ihn, den Sohn Gottes, wird die Schöpfung erneuert.
Das Kuppelbild über dem Mönchschor: Die Auferstehung des Herrn.
Christus ist dem Grabe entstiegen, hat den Tod überwunden. Das hoch erhobene Siegesbanner, die Gestik und der wallende Purpurmantel unterstreichen die monumentale Bedeutung des Augenblicks. Es ist ein Ostermorgen in strahlender Lichtfülle. Himmlische Chöre jauchzen ihr Halleluja. Von Schrecken erfasst, verkriecht sich die römische Grabeswache. Die Besiegten sind zu Füßen des Heilands niedergestürzt: Satan, Frau Welt und Cupido fallen aus dem Bildrahmen heraus. Knoller steigert die Dramatik, indem er die Kreiskomposition damit sprengt.
Das Kuppelbild über dem Hochaltar: Das Abendmahl.
Christus im Kreise seiner Jünger schenkt ihnen das Wunder se iner Liebe, seinen Leib und sein Blut zum Andenken an sein Leiden und seinen Tod. Das Antlitz strahlt Würde aus. Über ihm schweben anbetende Engel. Rechts und links sammeln sich Menschen jeden Alters und jeder Stellung, die zum „Tisch des Herrn gehen.“ Mit großem Geschick hat Knoller die Architektur in sein Bild eingefügt. Die gemalte vierarmige Ampel an der Wölbung der Kuppel erweckt den Eindruck einer wirklich herabhängenden Lampe, die den Raum mit warmem Licht erfüllt.
Der Meister
Meister der Landschaft
Das große Können von Martin Knoller zeigt sich nicht allein in der Totalen. Als überragender Künstler barocker Weltgestaltung offenbart er sich auch im Detail. Er ist ein Meister der Landschaft. Zwischen dem satten Grün junger Ölbäume sprudelt der Jordan über knorrige eufeuumrankte Wurzeln zu Tal. Ein blauer Himmel voll sommerlicher Wolkenberge spannt sich im Fresko der Taufe über lebensvolle Menschengruppen, die in die Landschaft hineingruppiert sind und dem Bild räumliche Tiefe verleihen.
Meister der Perspektive
Er ist ein Meister der architektonischen Perspektive. Ob man den aufragenden Tempelbau im Kuppelbild der Tempelreinigung betrachtet oder die Tempelhalle im Fresko des lehrenden Jesuknaben, ob man den zarten Raumkonturen im Gemälde der Tempeldarbringung folgt oder dem Bogenfries des Abendmahlraumes, stets wei Knoller durch eine äußerst gesteigerte Perspektive den Blick auf die zentrale Figur, auf Christus, zu lenken.
Meister der Gestalt
Er ist ein Meister der menschlichen Gestalt. Scharf beobachtete er den Alltag, jedoch voller Wärme und hintergründigem Humor. Wie sonst hätte er jenen klösterlichen Pharisäer über der Orgelempore schaffen können, der, mit dem Lorgnon bewaffnet, in kritischer, ja zweifelnder Pose, die Arbeit des Malers beäugt.
Meister der Charaktere
Hervorragende Charaktere sind unter den Schriftgelehrten und Aposteln anzutreffen. Antlitz und Geste des greisen Simeon im Fresko der Darstellung im Tempel spiegeln die tiefe Empfindung, die Knoller für diese Szene biblischer Überlieferung hegte. Das Temperament des Alpenländers, seine Vorliebe für kraftvolle Bewegung finden sich im Auferstehungsbild wieder, in der Gestalt des Erlösers, wie in den überrascht zu Boden geworfenen Grabeswächtern.
Meister der Freskotechnik
Nicht zuletzt ist Martin Knoller ein Meister der Farbe und der Freskotechnik. Man darf nicht vergessen, dass dem Maler jener Zeit nicht so ohne weiteres jeder gewünschte Farbton zur Verfügung stand. Er selbst musste ihn sieden, anreiben, aus den Produkten der Natur, aus Pflanzensäften und Gestein schaffen, was sich bis hin zum Mahlen von Eierschalen erstreckte, die die lichtwarmen Töne des Himmels lieferten.
Die physische Leistung
Man darf nicht vergessen, dass die Haltbarkeit der Fresken das Malen in den feucht-frischen Putz erforderte. Der Maurer trug den Mörtel für eine Tagesleistung auf. In den noch nassen Grund drückte der Maler mit dem Spitzeisen die Konturen seiner originalgroßen Skizzen, um dann, rücklings auf dem Hängegerüst liegend, voller Mühsal und körperlicher Anstrengung, Teil für Teil so schnell als nur irgend möglich auszuführen. Jeder Pinselstrich war in der Freskomalerei endgültig, nichts ließ sich später nochmals übertünchen und retuschieren. Man muss diese handwerkliche Gegebenheiten der Zeit in Betracht ziehen, will man Knoller und seiner gewaltigen, nochnach zweihundert Jahren unvermindert leuchtenden Farbsymphonie in ihrer Größe gerecht werden.